So richtig begreifen können sie bei Mercedes das Desaster von Singapur immer noch nicht.
Eineinhalb Sekunden Rückstand im Qualifying, 25 Sekunden Rückstand des viertplatzierten Nico Rosberg auf Sieger Sebastian Vettel. Das sind Welten in der Formel 1. Teamkollege Lewis Hamilton konnte das Rennen wegen eines technischen Defekts gar nicht erst beenden. (DATENCENTER: Ergebnis des Singapur-GP)
Wolff fordert Analyse
“Es bleiben viele Fragen offen, die wir in den nächsten Tagen analysieren müssen”, sagte Motorsportchef Toto Wolff.
Auch Rosberg wirkte ratlos: “Wir verstehen es nicht, wir haben keine Ahnung. Wir kommen langsam dahinter, haben ein paar Theorien, machen Fortschritte, aber es dauert jetzt noch.”
Klar war lediglich, dass die Reifen auf dem engen Stadtkurs bei Mercedes viel schneller und stärker abgebaut haben als bei der Konkurrenz – und dass Ferrari nun tatsächlich noch ein Wörtchen mitspricht im Titelkampf. Acht Punkte beträgt Vettels Rückstand auf Rosberg, 49 auf Hamilton. (DATENCENTER: Fahrerwertung)
“Wir haben schon in Monza gesehen, dass sie mit dem neuen Motor noch einmal einen Fortschritt gemacht haben und sie werden auch weiterhin ihr Auto weiterentwickeln”, ist sich Wolff der roten Bedrohung bewusst.
Teamorder nicht ausgeschlossen
Die enorme Aufholjagd der Scuderia lässt ihn sogar darüber nachdenken, die bisher gefahrene Strategie bei den Silberpfeilen im Falle des Falles über den Haufen zu werfen.
Eine Teamorder, normalerweise ein Tabuthema bei den Silberpfeilen, will er vor dem nächsten Grand Prix am kommenden Wochenende in Suzuka nicht mehr ausschließen. “Wenn die Lücke zum Ende hin viel kleiner wird, würden wir darüber nachdenken”, wird der Österreicher in der Bild zitiert.
Leidtragender dieser Strategie wäre dann Rosberg, der in der Gesamtwertung sechs Rennen vor Schluss hinter Hamilton liegt und dann für den Teamkollegen fahren müsste.
Lauda warnt: “Meisterschaft ist offen”
Auch Vorstandsboss Niki Lauda hebt warnend den Zeigefinger. “Die Meisterschaft ist offen, man muss auf alles achtgeben. Ich bleibe der Ansicht, dass Mercedes immer noch das stärkste Auto ist, doch Vettels Leistungen zwingen uns, die Augen offen zu halten. So ein Pilot ist äußerst gefährlich. Und Ferrari ist wieder zurück, das wissen wir”, sagte Wolffs Landsmann der Gazzetta dello Sport.
Vor allem den viermaligen Weltmeister lobte Lauda in den höchsten Tönen: ”Er hat zwei Eigenschaften, die nur wenig andere besitzen: Kopf und Geschwindigkeit.”
Soweit aber, dass Vettel sie zur Teamorder zwingt, will es Mercedes gar nicht kommen lassen. “Ich werde in Suzuka zurückschlagen, da mache ich mir keine Sorgen”, sagte Hamilton selbstbewusst über seine Chancen auf dem Kurs, der aufgrund der Charakteristik und der gemäßigteren Temperaturen den Silberpfeilen mehr liegen müsste als der Marina Bay Street Circuit im schwül-heißen Singapur.
Wolff weiß zwar, dass der Vorsprung zuletzt etwas geschmolzen ist: “Aber normalerweise dürfte Sebastian nicht jedes Rennen gewinnen und Lewis nicht in jedem ausfallen.”
“…dann würde man in Panik verfallen”
Dennoch bleibt ein Restzweifel nach dem Debakel vom vergangenen Wochenende. “Man kann es nicht als einmaligen Ausrutscher abhaken. Aber man kann deswegen auch nicht ausrasten. Dann würde man in Panik verfallen, und das wäre nicht angebracht”, sagte Wolff.
Sein Rat: “Man muss es einfach analysieren.”
Doch auch Wolff weiß: “In Suzuka haben wir etwas zu beweisen.”

